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"Wohin willst du, nach Wochatzyki..., nach Polen?" Sandras Mutter konnte den Namen beim besten Willen nicht aussprechen. "Diesen Floh hat dir doch dieser Stanek in´s Ohr gesetzt! Du kannst jetzt nicht so einfach Urlaub machen. Du bist jetzt fertig mit dem Studium und solltest gleich mit deiner Arbeit hier anfangen, wir brauchen jede Hand. Außerdem haben dein Vater und ich auch seit Jahren keinen Urlaub gehabt. Was glaubst du wohl, für wen wir uns all die Jahre krumm gemacht haben! Gib es zu, du hast keine Lust hier zu arbeiten!" Sandras Stirn verfinsterte sich. "Stimmt und lass Stanek aus dem Spiel, er hat nichts damit zu tun."
Richtig, ihre Eltern hatten sich krumm gemacht, das würde sie auch nie vergessen. Aber die Gärtnerei besaßen sie bereits fünfzehn Jahre vor Sandras Geburt und da gab es ja auch noch Bruder Sören, der mit Leib und Seele in der elterlichen Firma arbeitete. Das sie sich bereits vor Monaten von Stanek getrennt hatte, behielt sie lieber für sich.
Sandras Mutter rang nach Luft. "Wofür haben wir dich studieren lassen! Sören ist für den Ablauf in der Firma zuständig und du ab sofort für die Finanzen!" Sie war schon immer sehr resolut, ihre Mutter. Alles musste nach ihrem Kopf gehen, jeder Widerspruch war zwecklos. Sandra blickte aus dem Fenster. Sie hatten sich noch nie gut verstanden, vielleicht weil sie das ungewollte Kind, der Nachzügler war, mit dem niemand mehr gerechnet hatte?
Sollte das ihre Bestimmung sein, jeden Tag sich mit Soll und Haben, mit Rechnungen und Steuerberatern zu beschäftigen? Jahrelang im Geschäft ihrer Eltern, vielleicht auch noch bis ans Ende ihres Lebens, nur weil Mutter es so wollte? Bei diesem Gedanken bekam sie eine Gänsehaut. Da war er nun, der Tag "X", vor dem sie sich immer gefürchtete hatte. Warum hatte sie sich nicht schon eher zur Wehr gesetzt?
Sie wollte so gern Tierärztin werden, aber für diesen Wunsch hatte ihre Mutter kein Verständnis. "Was soll ich mit einem Tierarzt in einer Gärtnerei? Das hat dir doch dein Onkel eingeflüstert! Du studierst Betriebswirtschaft, etwas anderes können wir hier nicht gebrauchen!" Damit war die damalige Diskussion nach Sandras Abitur beendet.

 

Der Onkel, Vaters Bruder Toni, hatte wirklich etwas damit zu tun. Jeden Sommer verbrachte sie ihre Ferien auf seinen Gnadenhof. Da waren die abgeschobenen Tiere, die keiner mehr haben wollte. Pferde, Hunde, Katzen einmal sogar ein Lama. Aus ganz Österreich wurden ihm die armen Kreaturen gebracht. Aber bei Onkel Toni und seiner Mannschaft waren alle Tiere wohl behütet. Toni war so bekannt, dass er viele Tiere nach kurzem Aufenthalt auf seinem Hof wieder unterbringen konnte. Die Leute kannten und achteten ihn. Hier in den Bergen zählten die Tiere halt noch als Mitglied der Familie und wenn es einem schlecht ging, kümmerte man sich darum. Auch um die "tierischen" Angehörigen.
Diese Wochen waren für Sandra immer unvergesslich. Zum Beispiel Antonia, ein älteres Pferd von einem Wanderzirkus. Es kam nach der Pleite des Zirkus auf den Hof, hochträchtig. Was für ein Erlebnis, ein Fohlen auf die Welt zu bringen! Timmi sollte es heißen, so wünschte sie es sich. Oder Moritz, der Kater, er war im Wald in eine Falle geraten und verlor dabei ein Vorderpfötchen. Aber der kleine tapfere Kerl überstand alles und wurde zum erklärten Liebling von Tonis Pensionsgästen.

 

Sandra wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen. Ihr Vater kam ins Zimmer. Er musste wohl die Diskussion aus sicherer Entfernung mitverfolgt haben. Er erfasste die angespannte Situation sofort. "Schluss jetzt! Sandra, du hast dir ein paar freie Tage verdient! Vielleicht findest du ja auch etwas, was dich mehr interessiert als die Arbeit in der Gärtnerei oder habe ich da etwas falsch verstanden?" Und wie er sie verstand! Hatte er doch auch unter seiner energischen Frau zu leiden, aber anders als Sandra, er liebte sie , trotz aller Ecken und Kanten, nur war er halt härter im nehmen. In diesem Moment konnte er sich nur vorwerfen, dass er nicht schon damals den Mut hatte etwas zu sagen, als es um Sandras Berufswunsch ging, aber das Mädchen würde ihren Weg schon machen, da war er sich ganz sicher!
Sandras Augen leuchteten auf. "Wisst ihr was, ich fahre nicht nach Polen, ich fahr zu Onkel Toni!"
Ihre Mutter war sichtlich nah an einem Herzinfarkt. "Aber Kind, nächste Woche kommen die neuen Computer, da kannst du uns doch nicht so einfach alleine lassen!" Und wie sie konnte. Ihre Mutter war zwar schon Mitte sechzig, aber ein Ass am Computer! Ihre Hilflosigkeit war jetzt nur ein letzter Strohalm. Sandra schüttelte unmerklich den Kopf. Auf der einen Seite war ihre Mutter eine so resolute, moderne Frau und auf der anderen so unglaublich altmodisch. Wie zum Beispiel mit Stanek. Was konnte ein Spross aus einem uralten polnischen Adelsgeschlecht und angehender Veterinärmediziner der Tochter des Gärtnereibesitzer Alfons Müller an Luxus schon bieten? Ihre Mutter hat Stanek nie gemocht und daraus auch keinen Hehl gemacht. Nach seinem letzten Besuch in ihrem Elternhaus kam es zum Streit. Er bat sie inständig, sich von ihrer Familie zu lösen. "Du wirst niemals glücklich! Dein Vater und dein Bruder sind so liebe Menschen, aber an deiner Mutter wirst du irgendwann zerbrechen!" Warum hat sie damals nicht auf ihn gehört? Von Vater und Sören hätte sie doch jede Unterstützung bekommen! Jetzt war es zu spät. Stanek war Vergangenheit. Dabei liebte sie ihn noch immer. Von Freunden hatte sie erfahren müssen, das er Deutschland verlassen hatte. Seine Familie lebte seit über vierzig Jahren in ihrer Heimatstadt, wohin er wohl gegangen war?

 

Die Fahrt ins Salzburger Land verging wie im Flug. Es war Sonntag und kaum ein Brummi auf der Autobahn, so kam sie zügig voran. Seit fast acht Jahren war sie nicht mehr in Leagang gewesen aber es hatte sich nicht viel verändert. Der kleine Supermarkt am Ortseingang, die Tankstelle war auch noch in der selben Hand, wie sie dem Reklameschild entnehmen konnte und der Gasthof trug immer noch den Namen " Zum hohen Tor". Sandra hatte Toni nicht Bescheid gegeben das sie kommen würde. Ein Zimmer für liebe Gäste war bei ihm immer frei. Als sie den schmalen Weg zur Alm hinauffuhr, sah sie etwas weißes am Wiesenrand liegen. Sandra hielt an und stieg aus. Das war ja Moritz! Er war verletzt und sah ziemlich zerzaust aus. Behutsam nahm sie das Tier auf den Arm. "Na, Moritz, kennst du mich noch? Komm, ich bring dich heim." Wenige Minuten später läutete sie an Tonis Tür. "Komm rein Mädchen!" sagte Onkel Toni, "dein Vater hat schon angerufen, das du kommst.". Auf einmal wurde er still und sah verwundert auf den Kater. "Wo hast du denn Moritz her, wir haben ihn seit Tagen vermisst?". Sandra zuckte mit den Schultern. "Er lag unten am Wiesenrand und so zugerichtet wie er war, hab ich ihn halt gleich mitgenommen." Toni überlegte einen Moment. "Gut Sandra, geh in die Küche und mach dir noch was zu essen und dann gehst du auf dein altes Zimmer schlafen, die Fahrt wird dich sicherlich angestrengt haben." Das musste er ihr nicht zweimal sagen! Sandra war zu müde, um sich weitere Gedanken zu machen. Sie fiel in ihr Bett und schlief tief, fest und traumlos.

 


Den nächsten Morgen hatte sie ganz und gar verschlafen. Fünfhundert Kilometer Autofahrt steckt man halt doch nicht so einfach weg. Auf Tonis Hof hatte der normale Alltag inzwischen Einzug gehalten. Noch halb im Traum kam sie in die Küche. Dort saß Sofie, die Magd. "Morgen Mädchen, hast du gut geschlafen, so wie du aussiehst wohl eher nicht?!". Sandras Kopf brummte, die Augen tränten und die Nase war verstopft. "Na, das ist aber ein ordentlicher Heuschnupfen geworden! Komm ich geb` dir was, das hilft immer. Ein altes Hausmittel meiner Urgroßmutter."
Sandra hatte keine Ahnung, was Sofie ihr da in den Tee tröpfelte aber nach kurzer Zeit ging es ihr wirklich besser.
"Morgen , du Schlafmütze!" Toni kam aus dem Stall "na, und wie ich gehört habe, hat dich die alte Kräuterhexe geheilt!" Sandra lachte, schon früher gingen die beiden Alten so "liebevoll" miteinander um. Ob da mal was war? Immerhin waren beide niemals verheiratet und Sofie bereits fast ihr ganzes Leben auf dem Hof! Toni räusperte sich "also Moritz habe ich gestern Abend noch zum Tierarzt gebracht. Gott sei Dank haben wir seit einiger Zeit einen eigenen. Du weist ja, früher mussten wir immer bis in die nächste Stadt! Keiner wollte zu uns hierauf ziehen, war den Studierten wohl zu einsam, obwohl es viel zu tun gibt. Aber der Neue ist in Ordnung, zwar noch recht jung, aber das wird schon!"
Sandra wollte nun endlich wissen wie es Moritz geht. "Er muss wohl eine Begegnung mit einem größeren Artgenossen gehabt haben, aber es geht ihm gut. Der Doktor bringt ihn heute Abend gleich mit, er will sich sowieso unseren Neuzugang ansehen .

 

" Der "Neuzugang" entpuppte sich als ein ca. zwölf Wochen alter Welpe und als Sandra die Pfoten näher betrachtete, konnte sie sich lebhaft vorstellen, was da für eine riesiger Bursche daraus werden würde. Pensionsgäste hatten ihn auf einem abgelegenen Rastplatz an einer Bank angebunden entdeckt. Sandra war außer sich, wie kann man nur so ein kleines hilfloses Wesen sich selbst überlassen? Zwischenzeitlich hatte das "kleine, hilflose Wesen" die lange Schleife an Sandras Rock entdeckt. Daran ließ sich ganz prima ziehen und zerren! "He, du Schelm, lass los!" Lachend hob sie den Übeltäter hoch, "du willst spielen, da hab ich was besseres für dich!". Nach einer halben Stunde hatte der Welpe genug. Er war müde, was er mit einem lauten Gähnen bekundete. Mit tapsigen Schritten ging er ins Haus und legte sich auf seine Decke im kühlen Hausflur nieder. Sandra, die ihm gefolgt war, blinzelte er noch einmal an, als wollte er sagen " Geh nicht weg, gleich spiel ich mit dir weiter, ich muss mich nur mal ganz, ganz kurz ausruhen!".

 


Sandra machte sich nun auf dem Hof nützlich. Zusammen mit Sofie reinigte sie die Gästezimmer,
dem Knecht half sie beim Ställe saubermachen und anschließend durfte sie Timmi ausreiten. Was für eine Prachtkerl war doch aus ihm geworden!
Wie schön und friedlich es hier war! Nichts zog sie zurück in die Stadt, in die Gärtnerei und zu "Soll und Haben". Inzwischen war es Abend geworden und die Berge warfen ihre großen Schatten auf den kleinen Hof. Sofie hatte inzwischen das Essen zubereitet und ein Gedeck mehr aufgelegt. "Für den Doktor!" sagte sie.
Wenige Minuten später ging die Tür zur Küche auf und Onkel Toni kam herein. "Nur keine Scheu Junge! Die Sofie beisst nicht und meine Nichte wirst du ja wohl noch erkennen!" Stanek! Sandra konnte es nicht glauben. Er war also der neue Tierarzt! Ihre Gedanken kreisten im Kopf. Wie kommt er denn hierher, mein Gott, ich glaub´s einfach nicht!
Das Abendessen verlief sehr schweigsam. Die beiden jungen Leute vermieden jeden Blickkontakt. Als sie fertig waren stand Toni auf und meinte zu Sofie, das sie die Ställe noch einmal inspizieren müssten und dann waren die beiden allein.

 

"Sandra" Stanek sah sie an, "ich wusste keinen Ausweg mehr. Ich wollte dich nicht verlieren aber ich konnte auch nicht mehr mit ansehen, wie du dich gängeln lässt. Du hast mir oft von deinem Onkel erzählt und auch, das es hier keinen Tierarzt gibt und es immer dein Wunsch war, hier zu leben und zu arbeiten. Ich hatte gehofft, das du eines Tages hierher kommen würdest, aus eigenem Antrieb, ohne zu wissen das ich hier bin. Tja, und das ist ja nun der Fall. Kannst du dir vorstellen, für immer hier zu leben? Arbeit gibt es für dich genug. Toni braucht dich genauso wie ich. Wir sind beide keine Finanzgenies aber du, du könntest uns helfen und wärst trotzdem deinem Traum so nah! Wir lieben dich! Ich liebe dich!" Sandra konnte einfach nichts sagen, zu groß war der "Frosch" in ihrem Hals. Natürlich wollte sie! Hier war sie zu hause. Und ihre Eltern, sie müssen es einfach verstehen! Vater würde es auf jeden Fall, da war sie sich ganz sicher.

 

Auf der Bank vor dem Haus hatten es sich Toni und Sofie mit einem Viertel Heurigen gemütlich gemacht. "Siehst du, du alte Kräuterhexe, ich hab doch gewusst das aus den beiden doch wieder ein Paar wird!" triumphiert Toni. "Und ich, du alter Eigenbrötler, ich denke es hat was mit den Kräutlein zu tun, die ich der Sandra heute früh gegeben habe! Nur bei dir, da scheinen die nicht zu wirken!" Toni lächelte verschmitzt. Irgendwann, da wird sie es schon noch merken, wie gern er sie hat, die Sofie... .

 
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