Müde hebt Anja dem Kopf. Auch eine Bahnfahrt kann zur Ewigkeit werden.
Warum in aller Welt hatte Martin so darauf gedrängt, das sie nach Berlin wechseln soll? Er wusste doch, wie wohl sie sich in der Kanzlei und bei den Kollegen in Köln fühlte. Schläfrig und ohne großes Interesse sieht sie aus dem Fenster. Für die Landschaft hat sei keinen Blick. Sie macht sich nur Gedanken, was in Berlin auf sie zukommt. Ankunft 21.15 Uhr. Anja wusste, das sie niemand abholen würde, Martin war noch auf einer Tagung und wollte erst am nächsten Abend nach Berlin kommen.
In dem kleinen Hotel wurde sie schon sehnsüchtig erwartet, denn das Fräulein von der Rezeption wollte nach hause. "So Frau Schumann, hier ist ihr Schlüssel für das Zimmer, der gleichzeitig auch der Schlüssel für die Eingangstür ist und noch einen schönen Abend wünsch ich Ihnen! Ach ja und Frühstück steht ab 6.00 Uhr bereit. Ich muss jetzt los, sonst verpass ich die letzte Bahn!" Und weg war sie, die Greta, das stand jedenfalls auf dem kleinen Schildchen an der Rezeption und da war auch noch zu lesen:"...ich helfe ihnen gern!". Hilfe hätte Anja jetzt auch nötig gehabt, war sie doch das erste mal in Berlin und ziemlich hungrig. "Was soll´s", dachte sie sich, "muss ich mir eben selbst helfen."

 

Nach einer erfrischenden Dusche wagte sie sich in das nächtliche Getümmel der Hauptstadt. Sie hatte Glück. Nur zwei Straßen weiter hatte noch eine kleine Pizzeria geöffnet. Vor dem Lokal saßen einige junge Leute und diskutierten. Über was, das konnte Anja nicht verstehen. Da die Runde der jungen Leute, wahrscheinlich Studenten, keineswegs einen gefährlichen Eindruck erweckte, setzte sie sich in deren unmittelbare Nähe. Beim Studieren der Speisekarte lief ihr das Wasser im Mund zusammen, obwohl sie eigentlich mehr auf die asiatische Küche stand, das musste wohl der Hunger sein. "Herr Ober!", der Mann den Anja angesprochen hatte, reagierte überhaupt nicht. Im Gegenteil, setzt er sich doch an den diskutierenden Nachbartisch und klinkt sich in die Gesprächsrunde ein! "Sitten sind das hier!", knurrt sie leise vor sich hin. "Hallo sie, könnte ich denn jetzt bitte auch bestellen oder haben sie schon Feierabend?" Am Nebentisch wurde es auf einmal ganz still, nur eines der Mädchen konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

 

Der angesprochene schien im ersten Moment etwas verwirrt, sprangt dann aber sofort auf und kommt an ihren Tisch. "Aber natürlich bekommen sie noch etwas zu essen, Senhorita, und entschuldigen sie, so hübsche Gäste übersehe ich normalerweise nicht! Ich hoffe sie können mir noch einmal verzeihen?" Eigentlich hatte Anja eine heftige Bemerkung auf den Lippen, aber er sah sie so rührend und hilflos an. "Na gut, vergessen und verziehen! Aber jetzt bringen sie mir bitte eine große Salamipizza, sonst sterbe ich!". "Ich eile, Senhorita!". Anja überlegte fieberhaft, woher sie das lausbübische Gesicht des Kellners kannte aber es fiel ihr beim besten Willen nicht ein. Das er sich, nachdem er in der Küche die Bestellung aufgegeben hatte wieder an den Nachbartisch setzte, ihr zuprostete und ein junges Mädchen die Pizza servierte, wunderte sie schon nicht mehr. Hier war wahrscheinlich alles möglich!

 

Am nächsten Tag fuhr Anja mit der U-Bahn zu ihrer neuen Arbeitsstelle. Es war eines dieser typischen Bürohochhäuser, mit Empfangshalle, Liftboy und kühler, großstädtischer Eleganz. Ihr Büro, so sagte man ihr am Empfang, sei im 23. Stock, hoch über den Dächern von Berlin! Wie sehr sehnte sie sich in diesem Moment zurück nach Köln. Zurück in die Kanzlei in der kleinen alten Villa; zurück an das schwere uralte Holzmöbel und an diesen typischen Geruch, den nur solche alten Häuser haben. Und natürlich dachte sie auch an die anderen Mitarbeiter, es waren schöne Jahre. Anja seufzte, Martin ahnte nicht mal im Geringsten, was er ihr angetan hatte!
Die neuen Kollegen hießen sie herzlich willkommen. Immerhin war Anja Schumann nicht nur die neue Chefsekretärin. Sie war auch die Nichte des Chefs, Martin Schumann.

 

Frau Schmidtke, ihre Vorgängerin und Berliner Urgestein, vollzog eine gründliche Übergabe. Nach vollbrachter Arbeit, bei einer Tasse Kaffe sagte Frau Schmidtke "Wissen sie Kindchen, dreißig Jahre Arbeit, davon elf für ihren Onkel, sind genug. Ich hab zwar noch ein paar Jährchen bis zur Rente, aber mein Liebster hat es schon geschafft. Meine Kinder sind aus dem Haus und nächste Woche um die Zeit sitzen wir schon im Flieger nach Australien, das war schon immer mein Traum, vielleicht bleiben wir für immer dort!" Anja lächelte, ja die Frau Schmidtke, die hat´s gut. "So Kindchen, jetzt müssen wir aber noch die Pflanzen gießen, ich wette, von den Herren hat sich keiner drum gekümmert!" "Na super, dacht Anja, tolles Büro, großzügiges Gehalt und dazu schon Mädchen für alles." Nachdem sie die Pflanzenpflege bewältigt hatten meldete Anja sich zum Mittag ab. Frau Schmidtke gab ihr noch einen Tipp, wo man zu dieser Zeit gut und billig essen könne.

 

Anja aber wusste genau wo sie zum Mittag hin wollte, in die kleinen Pizzeria, zwei Straßen von ihrem Hotel entfernt. Eine U-Bahn-Station stadtauswärts und sie war da. Leider waren alle Tische besetzt und sie wollte schon enttäuscht zurück zur Bahn als sie hörte "Guten Tag Senhorita, was kann ich für sie tun?". Da war es wieder, das lausbübische Gesicht und ihr Herz machte einen Sprung. "Kein Platz? Kein Problem! kommen sie doch an unseren Tisch!" Verwundert sah Anja auf die drei zusammengestellten Tische. Aber das war die "Diskussionsrunde" vom Vorabend! "Nun, möchten sie sich nicht setzten, Fräulein...?". "Anja" hörte sie sich sagen. "Angenehm, ich bin Gregor, also Anja, das sind meine Studenten. Ich arbeite ab und zu als Gastdozent und wir nutzen jede freie Minute um zu diskutieren und hier ist es halt am gemütlichsten." Anja, von all den jungen Leuten angestarrt wurde rot, also doch kein Kellner... . "Ja und was studiert ihr bzw. was unterrichten sie überhaupt?"

 

Gregor holte kurz Luft und sagte kurz und knapp, "Jura, alles angehende Juristen, aber ich dachte das hätten sie schon gestern mitbekommen oder dachten sie wir diskutieren über den Nährwertgehalt einer Salamipizza?" Gregor lächelte sie an, uns sie wusste, dass das jetzt nicht böse gemeint war. Sie verneinte, was soll´s , sollte sie sich etwa für ihre gestrige Müdigkeit entschuldigen oder damit, das es sich einfach nicht gehört, fremde Gespräche zu belauschen, das hatte sie nicht nötig! Aber schöne Augen hat er der Gregor... Zwei Stunden später war sie wieder im Büro, wo sie schon erwartet wurde." Ihr Onkel hat schon mehrmals angerufen und nach ihnen gefragt!" Fräulein Opitz, der Azubi, sah sie vorwurfsvoll an. "Was wollte er denn, hat er eine Nachricht für mich hinterlassen?" wollte Anja wissen "Ja, er möchte sie heute Abend, gegen 21.00 Uhr, in der Pizzeria treffen, sie wüssten schon wo!" Na so was, dachte Anja, woher wusste er von der Pizzeria? Zum Grübeln blieb ihr wenig Zeit, die Kanzlei hatte sie gleich voll in den laufenden Tagesablauf mit eingebunden, wenigstens darin unterschied es sich kaum von ihrer alten Arbeitsstelle.

 

19.00 Uhr. Feierabend. Anja hätte am liebsten die Füße auf den Schreibtisch gelegt. Aber da war ja noch das Fräulein Opitz und daher verkniff sie sich das zu tun, was sie in Köln auch sicherlich ohne Rücksicht auf Verluste getan hätten. In diesem Moment flog die Tür auf und ein riesiger Strauß weißer Nelken, ihre Lieblingsblumen, wurde auf den Schreibtisch gelegt. Verwundert sah Anja den Überbringer an. "Ich hab da noch ´ne Nachricht für sie" stammelte er. Ein Briefumschlag wechselte den Besitzer und weg war der Junge vom Zustelldienst. Auf der Karte im Umschlag stand "bin um 20.00 Uhr in der Pizzeria". Keine Unterschrift, kein Absender, nichts. Also, Martin dachte Anja, du hättest ja auch anrufen können oder plagt dich etwa das schlechte Gewissen? Punkt 20.00 Uhr war Anja im Lokal. Dieses mal waren keine laut diskutierenden Studenten da, dafür aber der Kopf der Gruppe, Gregor.

 

Als er sie sah stand er sofort auf. "Danke das du gekommen bist!" Sie verstand gar nichts mehr. "Die Blumen, die Einladung, die waren von dir?". Gregor sah sie mit großen Augen an "von wem hast du denn gedacht?". In diesem Moment musste Anja lachen. Soviel Zufälle und Ungereimtheiten, da konnte nur einer dahinter stecken. "Du kennst nicht zufällig einen Martin Schumann?" fragte sie ihn." Natürlich kenne ich Martin, wir haben früher in der selben Straße gewohnt, er hat mich quasi dazu gebracht Jura zu studieren. Ich war wohl für ihn immer der Sohn den er sich so gewünscht hat und jetzt führt er was im Schilde, aber das soll er dir schon selber sagen." Auf den letzten Satz hatte Anja gar nicht mehr geachtet. Jetzt wusste sie , warum ihr sein Gesicht von Anfang an so bekannt vorkam.
Vor vielen Jahren verbrachte sie einen Sommer lang die Ferien bei ihrem Onkel und da war auch immer dieser Junge aus der Nachbarschaft. Das war Gregor!

 

Onkel Martin hatte alles aus sicherer Entfernung mitverfolgt und inbrünstig gehofft, das seine Nichte und Gregor sich verstehen würden. Ihm lag sehr viel daran, denn was Anja nicht wissen konnte war, das er Deutschland verlassen wollte. Er wollte seiner großen Liebe einen Traum erfüllen. Daher hatte er zum nächsten ersten die Kanzlei an sein "Ziehkind" und Berufskollegen Gregor übergeben. Und er wollte seine Lieblingsnichte gut versogt wissen, deshalb hatte er so darauf gedrängt, das sie nach Berlin zieht. Das die beiden sich bereits so gut verstehen, würde die Sache nur erleichtern. Er sah wieder zu ihrem Tisch. Eigentlich ist es doch schade, wenn ich die beiden Turteltauben jetzt störe, aber schließlich muss ich die beiden ja endlich aufklären. Denn eines wusste Gregor auch noch nicht, das Martin nächste Woche um diese Zeit bereits in Australien sein würde...

 

 
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